Die Gefahr von revisionistischen Geschichtsbildern und warum sie der Vorbote von Stillstand sind

 

  • Wilhelm von Gottberg wird 2017 Alterspräsident des Deutschen Bundestags. Hierdurch wird jemand in ein Amt eingeschworen, der sich nicht mehr mit dem NS-Erbe beschäftigen möchte. Der Schlussstrich hält Einzug in den öffentlichen politischen Raum.
  • Oben genanntes ist problematisch, da Schlussstrichdenken zu einem Stillstand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit ‚wer sind wir und wer wollen wir sein’ führt.

Wilhelm von Gottberg soll 2017 Alterspräsident des Deutschen Bundestags  werden. Die Große Koalition möchte dies allerdings verhindern. Nicht mehr das älteste Mitglied des Bundestages soll diesen Posten übernehmen, sondern das Mitglied mit den meisten Dienstjahren. Doch warum lang Bewährtes ändern? Problematisch an dem neuen Alterspräsident sind nicht nur seine Parteizugehörigkeit (AfD), sondern seine Äußerungen in Bezug auf den Holocaust. Er sagte:

Als wirksames Instrument zur Kriminalisierung der Deutschen und ihrer Geschichte wird immer noch – auch 56 Jahre nach Ende des Dritten Reiches – der Völkermord am europäischen Judentum herangezogen

Dies sorgte allgemein für Befremdung in der Öffentlichkeit. Zwar entschuldigte sich der ehemalige Vorsitzende des Bund der Vertriebenen in Deutschland für seine Aussage, allerdings weist diese Aussage auf ein weitaus größeres Problem hin. Nicht nur von Gottberg tätigte solch eine Aussage, sondern andere Politiker*innen fordern ebenfalls, einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu setzen.

Dies ist kein neues Phänomen. Schon seit den 50er Jahren wird öffentlich gefordert ‚den Deutschen ihre Sünden zu erlassen’. Doch sollte das eine pluralistische Gesellschaft fordern?

Durch die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland im öffentlichen Raum wird ein gesellschaftlicher Dialog in Gang gesetzt, der eine aktive Auseinandersetzung mit sich trägt – ‚wer wollen wir als Gesellschaft sein’ ? Diese Auseinandersetzung verlagerte sich durch die Studentenbewegung der 1968er Jahre in die Öffentlichkeit. Dieses kritische Hinterfragen der damaligen historischen Realität führte dazu, dass der Holocaust überhaupt erst Teil der deutschen Erinnerungskultur werden konnte und sich ein neues Täterverständnis bilden konnte.

Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bewahrt vor einer Verherrlichung der NS-Diktatur. Es wird kein Opfermythos kreiert, wie das in anderen Ländern Europa der Fall ist. Die deutsche Gesellschaft übernimmt Verantwortung für etwas lang Zurückliegendes, schafft dadurch aber gesellschaftlichen Fortschritt. Revisionistische Geschichtsbilder wollen Vergessen. Dies hilft aber nicht dabei, aus seinen Fehlern zu lernen und genau diese Einstellung führt zu Stillstand. Deutschland hat es geschafft als ‚Hüter der liberalen Welt’ benannt zu werden. Dies ist kein Ergebnis eines historischen Schlussstrichs, sondern einer aktiven Auseinandersetzung mit sich selbst – für was wollen ‚wir’ in der Welt stehen.

Ein Schlussstrichdenken kann auch nicht im Interesse des Bundes der Vertriebenen sein. Hierdurch würde dem Bund die Grundlage für ihre Arbeit fehlten. Weiterhin erklärt der Bund der Vertriebenen in seiner Charta:

„Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

Dies bedeutet eben auch die Erinnerung an den 2. Weltkrieg aufrecht zu erhalten. Dies ist der gemeinsame europäische historische Narrativ, der zur Gründung der EU führte. Das Schlussstrichdenken arbeitet also genau gegen den oben genannten Grundsatz.

Von Gottberg wird, nach jetzigem Stand, die konstituierende Sitzung nach der Bundestagswahl eröffnen und leiten, bis die Wahl des neuen Bundestagspräsidenten vollzogen ist und dieser sein Amt antreten kann. Zwar kann von Gottberg keinen Einfluss auf die Regierungsbildung nehmen. Trotzdem ist die Berufung zum Alterspräsidenten problematisch. Jemand, der sich aktiv für das Vergessen des 2. Weltkriegserbes einsetzt, steht gegen das, wofür sich sie die bundesdeutsche Politik seit Jahrzehnten einsetzt – das Nichtvergessen und die Anerkennung von Verantwortung.

Quellen

Bund der Vertiebenen, online unter: http://www.bund-der-vertriebenen.de/ [03.04.2017]

Deutscher Bundestag, Alterspräsident. online unter: https://www.bundestag.de/service/glossar/glossar/A/alterspraesident/247426 [03.04.2017]

Zeit online, 2017, Große Koalition will AfD-Alterspräsidenten verhindern. online unter: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-03/bundestag-afd-norbert-lammert-alterpraesidentschaft-regelung [03.04.2017]

 

 

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